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Forensische Peer-Arbeit im Justiz- und Massnahmenvollzug

Erfahrungswissen als Ergänzung professioneller Behandlung, Betreuung und Wiedereingliederung.

Was ist ein forensischer Peer?

Forensische Peers verfügen über eigene Erfahrungen mit psychischen Krisen oder Suchterkrankungen – teilweise auch mit beidem – sowie mit dem forensischen System. Sie haben ihren persönlichen Genesungsweg reflektiert.

Dieses Erfahrungswissen bringen sie in die Begleitung von Menschen in Gefängnissen, forensisch-psychiatrischen Kliniken, Massnahmeneinrichtungen und ambulanten Angeboten ein. Zu den möglichen Auftraggebern gehören auch Stellen der Bewährungshilfe. Forensische Peers können den begleiteten Menschen Orientierung geben und deren persönlichen Genesungsweg (Recovery) unterstützen. Auch die Begleitung beim Übergang in den Alltag kann dazugehören.

Darüber hinaus können sie eine Brücke zwischen den begleiteten Menschen und den Mitarbeitenden im Justiz- und Massnahmenvollzug bilden. Ihr Erfahrungswissen kann Mitarbeitenden helfen, die Sichtweisen der begleiteten Menschen besser zu verstehen. Zugleich kann es Anregungen geben, wie sich deren Bedürfnisse und Anliegen im Arbeitsalltag berücksichtigen lassen. So können Peers den Austausch und das gegenseitige Verständnis unterstützen.

Forensische Peer-Arbeit ergänzt professionelle Behandlung und Betreuung, ersetzt sie aber nicht. Die Rolle braucht klare Rahmenbedingungen sowie ausreichend Zeit für persönliche Begleitung.

Arbeitsalltag des Gefängnispersonals

Im Gefängnisalltag treffen Sicherheits-, Betreuungs- und Administrationsaufgaben aufeinander. Zwei Beispiele zeigen, weshalb Zeit für Beziehungsarbeit und geeignete organisatorische Abläufe wichtig sind. Eine personelle Entlastung durch Peer-Arbeit lässt sich aus diesen Quellen nicht ableiten.

Administration bindet Ressourcen

Der Kanton Zürich setzt auf Digitalisierung, um administrative Aufgaben zu reduzieren und mehr Zeit für Betreuung und Beziehungsarbeit zu schaffen.

Quelle: Kanton Zürich, JuWe Jahresbericht 2024 ↗

Was forensische Peers besonders einbringen

Reflektiertes Erfahrungswissen kann die persönliche Begleitung in vier Bereichen ergänzen:

Vertrauen und Zugang

Geteilte Erfahrungen können Vertrauen fördern und den Gesprächseinstieg erleichtern, insbesondere bei Scham, Misstrauen oder Rückzug.

Verständigung fördern

Peers können die begleiteten Menschen dabei unterstützen, ihre Erfahrungen und Anliegen zur Sprache zu bringen. Sie können zudem den Austausch mit Fachpersonen und das gegenseitige Verständnis fördern.

Orientierung und Hoffnung

Eigene Genesungserfahrungen können Hoffnung, Selbstwirksamkeit und Orientierung unterstützen.

Erfahrungen im Vollzugskontext

Erfahrungen mit Krise, Behandlung, Sucht und Justiz eröffnen eine zusätzliche Perspektive in der Begleitung.

Arbeitsbedingungen in der psychiatrischen Pflege

Für die 2024 veröffentlichte Studie «MatchRN Psychiatrie» wurden zwischen 2019 und 2021 insgesamt 1’185 Pflegepersonen aus 13 psychiatrischen Kliniken befragt.

Über 40 % hatten in ihrer letzten Schicht Überzeit geleistet. Drei Viertel sprangen mindestens einmal monatlich kurzfristig ein.

Die Ergebnisse betreffen die stationäre Psychiatrie insgesamt und sind keine gesonderte Auswertung forensisch-psychiatrischer Einrichtungen.

Quellen: Universität Basel, Studienzusammenfassung 2024 ↗; MatchRN Psychiatrie, Gesamtbericht ↗

Psychische Erkrankungen, Sucht und Massnahmenvollzug in Zahlen

Schweiz · Massnahmenvollzug 2024

1’059
Personen im Schweizer MassnahmenvollzugDurchschnittlicher Bestand · Schweiz 2024

Ausgewählte Bereiche des Massnahmenvollzugs 2024

Stationäre Behandlung psychischer StörungenArt. 59
730 Personen68,9 %
SuchtbehandlungArt. 60
142 Personen13,4 %
VerwahrungArt. 64
128 Personen12,1 %
Massnahme für junge ErwachseneArt. 61
56 Personen5,3 %

Was zeigt die Grafik?Die Zahlen sind nach angeordneter Massnahme gegliedert, nicht nach Klinik oder Vollzugseinrichtung. Ambulante Behandlungen nach Art. 63 StGB sind in dieser Darstellung nicht enthalten.

Warum Peer-Begleitung gerade in Übergängen relevant sein kann

In stationären Settings ist Begleitung oft in feste institutionelle Strukturen eingebettet. Beim Übergang in weniger intensiv betreute Lebenssituationen verändert sich dieses Unterstützungsnetz. Gleichzeitig bleiben Behandlung, Bewährungshilfe, soziale Stabilisierung und Alltagsbewältigung wichtige Themen.

Forensische und psychiatrische Fachpersonen arbeiten zudem oft unter hoher Belastung. Administrative und organisatorische Aufgaben binden Ressourcen. Forensische Peer-Begleitung kann hier ergänzend dort ansetzen, wo alltagsnahe Orientierung, Beziehungskontinuität und Unterstützung im Alltag gefragt sind – ohne psychiatrische, psychologische oder sozialarbeiterische Aufgaben zu ersetzen.

Wiederverurteilung: Zahlen richtig einordnen

Historische Zahlen und ihre Einordnung anzeigen

Die folgenden historischen BFS-Zahlen zeigen Wiederverurteilungen innerhalb von drei Jahren. Sie beziehen sich auf unterschiedliche Ausgangsgruppen: Personen nach einer Entlassung aus dem Strafvollzug beziehungsweise Erwachsene mit einem Referenzurteil.

48,5 %

Von den Schweizerinnen und Schweizern, die 2008 aus dem Strafvollzug entlassen wurden, wurden innerhalb der folgenden drei Jahre erneut strafrechtlich verurteilt.

Historische BFS-Referenzkohorte. BFS-Quelle ↗
19 %

Von 60’220 Erwachsenen mit einem Referenzurteil im Jahr 2014 wurden innerhalb der folgenden drei Jahre erneut strafrechtlich verurteilt.

Ausgangsbevölkerung: Schweizerinnen und Schweizer sowie ausländische Staatsangehörige mit Aufenthaltsbewilligung C. BFS-Quelle ↗